Beyond Binary – Gesellschaftliche und medizinische Herausforderungen aktueller Gender-Politik

25.-27. Januar 2019 in der Theodor-Heuss-Akademie

Beyond Binary, ein Kooperationsseminar der Initiativen Queer_Feminismus und Gesundheitspolitik, wurde von Svenja Blömeke, Carolina Torres-Lopez, Juri Kahlert, Niklas Hambücker und Noemi Hehl in Zusammenarbeit mit Martin Thoma aus der THA organisiert. Erfreulicherweise war das Seminar mit knapp vierzig Teilnehmer_innen komplett ausgebucht.

Nachdem Martin Thoma und die beiden Seminarleiterinnen Svenja und Carolina am Freitagabend alle Seminarteilnehmer_innen begrüßt hatten, begann eine Vorstellungsrunde der etwas anderen Art, sodass sich die ungewöhnlich vielen Teilnehmer über die übliche „Name-Studiengang-Stipendiat seit…“-Runde hinweg kennen lernen konnten. Im Anschluss hatten die Teilnehmer_innen die Gelegenheit ihre Fragen an das Seminar zu notieren und sie an eine Stellwand zu heften, sodass alle Fragen über das Seminar hinweg in Erinnerung bleiben und so Beachtung finden konnten. Die Teilnehmer_innen zeigten sich sehr interessiert und motiviert und verfassten zahlreiche Fragen zu unterschiedlichsten Aspekten. Im Verlauf des Seminars gingen mehrere Referent_innen explizit auf einige der Fragen ein, nachdem sie sie auf der Stellwand gelesen hatten.

Der Freitagabend endete mit zwei einführenden Vorträgen: Juri übernahm zunächst eine grundlegende Begriffserklärung und stellte die Begriffe binäres Geschlechtssystem, Heteronormativität, queer, Intergeschlechtlichkeit/Intersexualität, Transsexualität/Transgeschlechtlichkeit und Pathologisierung vor. Dabei konnten bereits einige der zuvor notierten Fragen geklärt werden. Felix Engelhart hielt anschließend einen Vortrag zur der Frage „Was ist Geschlecht?“. Dabei hob er hervor, dass es sich bei dem gesellschaftlich vorherrschenden binären Geschlechterverständnis lediglich um ein Modell handele und verwies auf die bekannten Schwächen eines Modells. Er betonte zudem, dass Geschlecht ein mehrdimensionales Konstrukt aus physisch, psychischen und sozialen Aspekten ist. Zur Veranschaulichung zeigte er die Darstellung des „Genderbread Man“ und ließ die Teilnehmer zum Selbsttest über die dort dargestellten Dimensionen nachdenken. Im zweiten Teil des Vortrags konzentrierte er sich auf die sozialen Dimension von Geschlecht und ging dabei auf die Bedeutung von Konformität, normativen Verhaltens und Geschlechtsstereotypen ein. An Felix‘ Vortrag schloss sich eine Diskussion an.

Der Samstag begann nach dem Frühstück mit der medizinischen Perspektive auf das Thema Geschlecht mit dem Vortrag von Frau Dr. Andrea Kindler-Röhrborn vom Institut für Pathologie der Universität Duisburg Essen zu dem Thema biologisches und psychosoziales Geschlecht. Dr. Kindler-Röhrborn erklärte, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern Mann und Frau nicht nur in Bezug auf die Anatomie bestehen, sondern auch in Bezug auf Aminosäuren, die Aktivität bestimmter Gene im Gehirn und Geschlechtschromosomen. Tatsächlich haben Männer genetisch gesehen mehr mit männlichen Menschenaffen und Frauen mehr mit weiblichen Menschenaffen gemein, als mit dem jeweils anderen Geschlecht. Durch diese biologischen Unterschiede, aber auch wegen Differenzen im Lifestyle, also der Ernährung, dem Beruf oder dem Lebensstil, können Männer und Frauen auf verschiedene Weise von Krankheiten betroffen sein. Unterschiede können sich im Auftreten der Krankheiten, bei der Pahthophysiologie, beim Erkrankungsalter, den Symptomen, dem Therapieansprechen und der Mortalität ergeben. Dr. Kindler-Röhrborn berichtete auch von ihrer eigenen Forschung mit Rattenarten, die unterschiedlich resistent gegenüber Tumoren sind. Nach der Kreuzung beider Arten zeigt sich deutlich, dass die männlichen Tiere, auch wenn sie mehr Gene der resistenten Art haben, deutlich anfälliger für die Krankheit sind, als die weiblichen Tiere, deren Genkombination vergleichbar sind.

Nach ihrem Vortrag beantwortete Dr. Kindler-Röhrborn Fragen aus dem Publikum, beispielsweise wie sie die Bedeutung der Gendermedizin in Zukunft einschätzt, wenn sich die Entwicklungen zu einer stark personenbezogenen Medizin fortsetzten. Dr. Kindler-Röhrborn betonte, dass gerade auch in einer auf das Individuum abgestimmten Medizin, zunächst die Bestimmung des Geschlechts und der damit einhergehenden Merkmale von großer Bedeutung sein wird.

Als zweiten Programmpunkt des Tages beschäftigte sich Prof. Dr. Claudia Hornberg  vom Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit der Universität Bielefeld in ihrem Vortrag mit der sozialen Dimension des Geschlechts. Prof. Hornberg erläuterte, dass Geschlecht, da es sozial konstruiert ist, auch einer zeitlichen Wandlung unterliegt. Das binäre Geschlechtssystem entstand im 18. Jahrhundert und prägt unsere Gesellschaft bis heute. Die Zuschreibung eines Geschlechts bei der Begegnung mit Menschen ist laut Prof. Hornberg für viele soziale Gruppen ein starkes Bedürfnis. Sie stellte zudem den Ansatz der Intersektionalität vor, der die Verflechtung von Kategorien sozialer Ungleichheit untersucht. Diese Kategorien sind neben Geschlecht beispielsweise auch die soziale Schicht oder Herkunft einer Person.

Im dritten Vortrag des Tages erläuterte Prof. Konstanze Plett von der Universität Bremen die Änderung des Personenstandsrechts, die Ende letzten Jahres auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Vorjahr folgte. Prof. Plett war Mitverfasserin der Verfassungsbeschwerde, die letztlich zu der Gesetzesänderung führte. Seit dem 22.12.2018 ist es nun möglich außer männlich, weiblich und keiner Geschlechtseintragung, „divers“ in die Geburtsurkunde und somit auch das Personenregister eintragen zu lassen. Allerdings ist dies nur möglich, so erklärte Plett, wenn das Geschlecht des Kindes nicht eindeutig feststellbar ist. Plett gab dem Publikum einen historischen Überblick über die Entwicklung der Geschlechtseintragungen in Deutschland und wies dabei darauf hin, dass die Regelungen im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 bereits einmal sehr liberal waren. Auch stellte sie dar, dass bereits im Jahr 2000 ein Antrag auf die Eintragung des Geschlechts „zwittrig“ gestellt worden war, der dann aber in 2. Instanz abgebrochen werden musste. Auf eine Frage aus dem Publikum erklärte Plett, wie es zu der Entscheidung für den Begriff „divers“ kam. Ein Sammelbegriff war aus verwaltungstechnischen Gründen erwünscht, um eine einheitliche Eintragung zu ermöglichen. Dennoch ist es möglich auf Wunsch neben dem Begriff „divers“ eine weitere Bezeichnung in das Personenregister eintragen zu lassen. Nachdem die Begriffe „andere“ bzw. „weitere“ in einer Umfrage im Verein für Intersexuelle Menschen abgelehnt wurden, setzte sich „divers“ durch.

Im Anschluss an die Vorträge hatten die Seminarteilnehmer_innen den Rest des Samstagnachmittags Zeit eines der Themen, in einem der vier angebotenen Workshops zu vertiefen. Die Ergebnisse aus den Workshops wurden am Sonntagmorgen vorgestellt und diskutiert.

Beim Kaminabend nach dem Abendessen beantworteten Robin Hendrik Fedrowitz und Jamie Rehm von queerbeet, der queeren Jugendgruppe in Augsburg, die Fragen der Teilnehmer_innen zum Thema Transgender. Beide sind Transmänner und sprachen offen über die zahlreichen Fragen, die sie aus dem Publikum erhielten. Die Teilnehmer_innen erlangten so einen direkten Einblick in Themen wie geschlechtsangleichende Operationen, Hormonbehandlungen, Umgang der Familien mit Transgeschlechtlichkeit und therapeutische Begleitung von Transmenschen.

(v.l.) Robin Hendrik Fedrowitz, Noemi Hehl und Jamie Rehm beim Kaminabend zum Thema Transgeschlechtlichkeit kaminabendbeyondbinary

Das Seminar endete mit einem Einblick in die politische Perspektive, den Hartmut Hanke, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Abgeordnetenbüro Jens Brandenburgs bot. Hanke berichtete von der Arbeit der FDP Bundestagsfraktion zum Thema LSBTI und zeigte dabei deutlich den Einsatz der FDP Bundestagsfraktion für die Rechte von queeren Menschen. Er berichtete neben dem Gesetz zum Dritten Geschlecht von weiteren Gesetzen, die queere Menschen benachteiligen und um deren Änderung bzw. Abschaffung die FDP Bundestagsfraktion bemüht ist. Darunter fällt zum Beispiel die Reform des Transsexuellengesetzes, um eine Ungleichbehandlung von Inter- und Transpersonen im Hinblick auf das Personenstandsrecht aufzuheben. Außerdem berichtete er, dass die Entschädigung von Opfern des §175 StGB, der homosexuellen Sex kriminalisierte und aufgrund dessen unzählige homosexuelle Menschen verurteilt wurden, ganz oben auf der Agenda stand.

In einer abschließenden Feedbackrunde sprachen die Teilnehmer_innen größtenteils positives Feedback aus, weshalb wir sehr zufrieden mit unserem Seminar sind und uns auf die Organisation weiterer Seminare freuen.

Noemi Hehl stv. für die Initiative Queer_Feminismus

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