Seminar: Equal Pay – Gleiche Arbeit, gleicher Lohn? Das Gender Pay Gap aus liberaler Perspektive

Der Arbeitskreis Wirtschaft und Soziales stellte zusammen mit der Initiative Feminismus vom 17.-19. Juni 2016 dieses spannende Seminar in der Theodor-Heuss-Akademie auf die Beine. Gleich am Anfang schienen einige überrascht, so viele weibliche Stipendiaten bei einem AK WiSo-Seminar anzutreffen, auch wenn das Gender Pay Gap als ein „Frauenproblem“ gilt – dass dem nicht ausschließlich so ist, erfuhren wir im Laufe des Seminars.

Gruppenbild

Nach einer Begrüßung und Vorstellungsrunde traf am Freitagabend der erste Referent, Herr Dr. Gerard Albert Bökenkamp von Open Europe Berlin, ein und bot uns als Einstieg eine historische Betrachtung von Frauenrechten auf dem Arbeitsmarkt. Unter anderem vertrat er die These, dass Europa vor der industriellen Revolution kein Gender Pay Gap- Problem hatte, ähnlich wie heutige Entwicklungsländer, in denen die Bevölkerung hauptsächlich von Landwirtschaft lebten und der Lohn überwiegend gleich sei. Die Lohnlücke hätte sich erst mit dem Umbruch der Gesellschaft hin zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft aufgetan.

bökenkamp

Als erster Referent am Samstag legte Herr Dr. Alexander Fink vom Institute of Research in Economic and Fiscal Issues eine statistische Betrachtung des unbereinigten und bereinigten Gender Pay Gap dar. Den Teilnehmern wurden diese Begriffe und ihre statistische Realisierung erläutert und wieder einmal wurde klar, dass mit Statistik zwar Probleme aufgezeigt, aber nicht ihre Ursachen, Hintergründe oder gar Lösungen dargestellt werden können. Interessant zu sehen war, dass heute mehr Frauen als Männer Abitur haben und ein Studium beginnen, das Gender Pay Gap scheint also vor allem während der Phase im Leben einzutreten, in der Karriere und Familienleben gegeneinander abgewogen werden müssen – vor allem von Frauen.

FinkGruppe

Aus Sicht der Frauenforschung und Frauenpolitik beleuchtete das GPG die nächste Referentin, Frau Dr. Ursula G.T. Müller, Soziologin, Mathematikerin, Buchautorin und Staatssekräterin i.R. Zum einen erklärte sie, dass obwohl sich Auszeiten vom Beruf überwiegend negativ auf den Lohn auswirken, auch gerade diese Zeit, in der sich um die Familie gekümmert wird, positiv auf den Charakter und die Wertevorstellungen auswirken können. Die somit erworbenen Qualifikationen könnten, so Dr. Müller, in manchen Arbeitsbranchen von großem Vorteil sein. Außerdem zeigte sie uns auf, dass sich Familienrollen verändert haben – heute ist selten der Mann der Hauptverdiener und die Frau zu Hause. Diese Tatsache habe sich jedoch scheinbar noch nicht auf den Arbeitsmarkt übertragen.

DrMüller

Nach der Mittagspause wurden wir in Gruppen eingeteilt, die sich jeweils mit einem Lösungsvorschlag des Gender Pay Gap befassen sollten. Präsentiert wurden die Ergebnisse am Sonntagvormittag und bis Ende Juli soll ein Thesenpaper erstellt werden, in dem die Lösungswege aufgelistet sind.

Als letzten Vortrag am Samstag folgte Ph.D. Claire Boeing-Reicher vom IfW Kiel mit ihrer Präsentation „Labor Markets and Discrimination – The Perspective of Economic Theory“. Hier zeichnete sie ein recht pessimistisches Bild des Gender Pay Gap und verglich den der USA mit dem in Deutschland. Außerdem zeigte sie die gravierenden Probleme von Transgender Menschen auf dem Arbeitsmarkt auf.

Claire

Am Abend gab es dann eine „Movie Night“, mit zwei TED Talks, einmal von Katrina Alcorn, Autorin & IT-Expertin und von Sheryl Sandberg, der COO von „facebook“. Beide sprachen zum Thema Vereinbarkeit von Karriere und Familie und Führungspositionen und Frauen und erzählten dabei von sehr persönlichen und bewegenden Erfahrungen. Am Ende wurde uns der Umgang mit dem Problem GPG in einer amerikanischen Show von John Stossel gezeigt. Dabei wurde auch das beschämend niedrige Niveau, auf dem häufig über dieses Thema diskutiert wird, deutlich. Hier die Links zu den Videos, die beiden TED Talks sind absolut sehenswert und inspirierend!

Katrina Alcorn

Sheryl Sandberg

John Stossel

Last but not least eröffnete uns am Sonntag Dr. Sebastian Pacher einen Einblick in das Thema Leadership und Quote unter Betrachtung der aktuellen Gesetzeslage aus der Sicht von Unternehmen. Er selbst gab zu, dass Firmen in Deutschland kaum Frauen in Führungspositionen haben und auch kaum Lösungswege sehen. Vor allem sah er das Problem darin, dass es schwer für Arbeitnehmer ist, eine familienbedingte Auszeit zu nehmen oder in Teilzeit zu gehen – vor allem für Frauen, aber auch für Männer.

kienbaum

Mein persönliches Fazit des Seminars ist folgendes: Es reicht nicht, das bereinigte Gender Pay Gap so stehen zu lassen und sich mit 4% statt 22,8% zufriedenzugeben. Hinter diesen Zahlen stecken ganz grundlegende Probleme: Vermeintliche „Frauenberufe“, die meistens einen riesigen Wert für eine Gesellschaft haben (Krankenschwestern, Erzieherinnen, Logopädinnen) werden viel schlechter bezahlt als vermeintliche „Männerberufe“. Wieso ist das so? Wieso werden Frauen und Männern, die sich dazu entscheiden mehr für ihre Familie da zu sein, bestraft, indem ihnen der Karriereweg verbaut wird? Meiner Meinung nach müssen Wege gefunden werden, dass Familienleben und Karriere keine Widersprüche mehr sind, weder für Frauen, noch für Männer.